"Augen, Ohren und Herzen offenhalten"
Gedenken zum Tag der Befreiung am 8. Mai
Der 8. Mai ist als Tag der Befreiung in einigen europäischen Ländern ein Gedenktag, an dem als Jahrestag zum 8. Mai 1945 der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und damit des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa und der Befreiung vom Nationalsozialismus gedacht wird. In Schönebeck (Elbe) legten Oberbürgermeister Bert Knoblauch, Stadtratsvorsitzende Cornelia Ribbentrop sowie die Stadtratsmitglieder Anne Schönebeck, Fritjof Meussling, Friedrich Husemann, René Wölfer, Torsten Pillat und Toralf Winkler Kränze am Mahnmal Nicolaistraße nieder.
Ausschnitte aus der Rede der Stadtratsvorsitzenden Cornelia Ribbentrop: 1980, nach einem Besuch des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, schrieb der aus Niefern in Baden- Württemberg stammende Pfarrer Gerhard Engelsberger:
Ob da je Grad drüber wächst?
Ob sich nicht Gras und Busch, Löwenzahn und Brennnessel weigern werden,
streiken, wo Menschen mittaten?
Ob sich die Natur wenigstens aufbäumt,
heute noch in Auschwitz, Theresienstadt, Treblinka?
In Bergen-Belsen wächst zurückhaltendes Heidekraut.
In uns wächst die Angst vor neuem Mord in neuer Perfektion
gemäß dem Stand heutiger Wisenschaft.
Seine Worte sind heute so aktuell wie damals, Sollten die mahnenden Flächen auch von Gras bestanden sein, so darf doch unsere Erinnerung und unser Andenken nie überwuchert werden. Werder darf vergessen werden, was war, noch, wie es dazu kam. Unrecht und Grauen, Denunzierung und Gewalt begannen nicht mit dem Ausbruch des Krieges. All das begann Jahre zuvor mit scheinbar unbedeutenden Schritten nach rechts, 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, mit all den Braunhemden und Weißkitteln, die sich anmaßten, die Menschen in Rasen zu teilen und wertes und unwertem Leben zu unterscheiden.
Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur galt die Leistungsfähigkeit eines Menschan als wichtigstes Kriterium für seine Bewertung. Unterstützung sollten nur diejenigen erhalten, die auch einen Nutzen für die sogenannte "Volksgemeinschaft" erbringen konnten. Kranke und behinderte Menschen, die nicht mehr oder noch nie in gewünschtem Maße arbeiten konnten, galten als "Ballastexistenzen" und deshalb als "lebensunwert". Den sinkenden Kostensätzen für ihre Betreuung folgten bald Zwangssterilisation und Mord als zentrale Maßnahmen der NS-Gesundheits- und Rassenpolitik.
Geisteskranke, Taubstumme und Epileptiker gelten als "unnüzte Brotfresser", die der "Volksgemeinschaft" zur last fallen. In Propagandafilmen und auf Plakaten wird unverhohlen Stimmung gegen sie gemacht. Während die Kranken angeblich in Palästen wohnen, müssten gesunde Arbeiterfamilien mit dreckigen Hinterhöfen Vorlieb nehmen, lautet die Botschaft. Im Mathematik-Unterricht müssen Schüler ausrechnen, wie viel Geld ihr Unterhalt kostet und was sich "gesunde" Familien mit diesen Summen alles leisten könnten. So wird der Boden für die Ermordung von insgesamt mehr als 70.000 Menschen bereitet. (...)
Und von alldem hat die große Masse, die schweigende Masse, nichts gewusst. Vielleicht stimmt das, vielleicht haben die meisten Menschen von nichts gewusst. Vielleicht trifft "Wir haben uns nicht informiert, obwohl wir es gekonnt hätten. Wir wussten es, es war nur so bequem, es zu ignorieren. Wir haben es billigend inkauf genommen aus Angst um unsere Familien, aus Scham, aus Selbstsucht, Gier und Schadenfreude", genauso zu.
Wir können uns nur bemühen, aus den damaligen Fehlern zu lernen und das Gewesene nicht zu vergessen. Wohl wissend: Vergessen und Verdrängen ist einfach als sich eienr Verantwortung zu stellen oder einzusehen, dass es vielleicht auch im eigenen Familienkreis Täter oder Mitläufer gab. Die Befreiung des Landes war leider nicht gleichzeitig ein Umkehr der WEltsicht. Mit dem Ende des Krieges, dem Wiederaufbau und den Bestrebungen hin zu einem geeinten Europa sind keineswegs die nationalsozialistischen Vorurteile verschwunden. Einsicht lernen, Einsicht üben ist ein fortwährender Prozess. (...)
Mutig zu sein, die Augen, Ohren und die herzen offenzuhalten, sind wir unserer Vergangenheit, aber vor allem auch der Zukunft und damit unseren Kindern schuldig.




